Halbnabenbremse... Optimierung für R25/0 und R25/2

Begonnen von strichzwojan, 10 April 2025, 17:58:09

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strichzwojan

Ich möchte hier mal beschreiben, was ich an meiner Halbnabenbremse gemacht habe, um sie standfester zu bekommen. Es wird nicht um Bremsbeläge gehen, sondern um die Komponenten, die im Alter anfangen Schwierigkeiten zu machen, bzw. die von BMW nicht gut konstruiert wurden, und bei denen man doch einiges verbessern kann.

Offensichtlichstes Ärgernis ist die fehlende Verstellbarkeit des Bremshebels auf der Ankerplatte. Ein Vierkant gibt hier vor: "friss Vogel oder stirb". Bei den mir vorliegenden Bremsankerplatten war immer der Abgang des Zuges Richtung Messingwiderlager in einem gewissen Winkel, schon im Ruhezustand. Bei Betätigung wurde der Winkel immer schlechter, sodass der Zug direkt hinter dem Nippel regelrecht abknickte. Mehrere gerissene Züge waren die Folge. Die Bremse wirkte dadurch auch immer etwas teigig, weil zuviel Elastizität im System war.

Nach nunmehr 27.000 km sind meine Bremsbeläge (Beral 1106) sehr schön flächig eingeschliffen. Dem immer größeren Leerweg und dem immer schlechter, d.h. stumpferen Winkel zwischen Zug und Bremshebelchen muss man ertragen, oder tätig werden.

Der 1. Schritt waren adaptierte Bremsbackenbeilagen von MZ, die nacheinander in der Stärke 1,5 mm, 2,0 mm und zum Schluss mit einem extra eingelegten Messingblech auf 2,6 mm Dicke gebracht wurden.
Eine wunderbare Gelegenheit, vor allem geklebte Beläge, die gut tragen, weiter abzunutzen, wo die genieteten Backen nicht mehr benutzt werden können.

2. Schritt war das Ausbuchsen der Bremsschlüsselwelle mit Sinterbronzebuchsen, das ich ohne Drehmaschine oder größeres Spezialwerkzeug (eine verstellbare Handreibahle brauchte ich dann doch) hinbekam. Der Effekt war nicht umwerfend, aber etwas präziser wurde der Bremspunkt dann doch.

3. Schritt: der Hebel auf dem Bremsnocken. Der Nippelhaltezapfen wurde entfernt, ein Gewinde an seiner Stelle eingeschnitten und dann eine 10er Schaftschraube eingeschraubt, die entsprechende Bohrungen und den Schlitz wie das abgesägte Teil bekam, und abgelängt wurde.

Heute war dann die Montage am Fahrzeug. Eine (positive) Überraschung gab es.

BMW hatte das Vierkantloch nicht genau mit der Längsachse fluchtend, sondern leicht gekippt eingestanzt. Weil der Hebel flach ist, hat man nun die Wahl, welche Seite des Hebels man zur Ankerplatte zeigen lässt. Dazu muss ja nur der neue "Einschraubzapfen" von der anderen Seite her eingesetzt werden, wo bei der originalen Schweißkonstruktion dies nicht möglich ist.
So kann man mit dem Hebelchen durch bloßes Umdrehen den Winkel zum Bowdenzug verändern und in eine bessere Position bringen. Ein nettes Extra!

Jetzt zum Einstellen des Zapfens auf dem Hebelchen...
Die Kontermutter (ich habe eine Zylinderfußmutter genommen, die auch 14mm SW hat, wie die Mutter auf der Bremsschlüsselwelle) wird handfest angezogen, dann die Bremse betätigt. Der Zapfen mit dem eingesteckten Bowdenzug richtet sich sehr schön von alleine aus, dann wird die Mutter festgezogen und dabei mit einem Schraubendreher, den man in den Schlitz am Zapfen steckt, gegengehalten.
Wenn nun die Bremse gelöst wird, dann macht der Bowdenzug einen kleinen "Bauch", der verschwindet, sobald die Bremse angezogen wird und an ihren Betätigungspunkt kommt. Und jetzt der Clou...

Die Handbremse hat durch diese Maßnahme einen knackigen Druckpunkt bekommen. Das Gefühl, dass man sich einen abwürgt beim Bremsen, ist weg! Außerdem sieht man sehr gut, wie der Zug unter Belastung technisch gesehen optimal aus dem Haltezapfen herauskommt, nicht mehr auf Biegung sondern nur noch auf Zug belastet wird! Sicher könnte man auch eine im Betrieb drehbare Bowdenzugaufnahme annieten oder -schrauben (Eppo hat wohl so etwas vor), aber ich wollte gerne optisch in Originalnähe bleiben.

Keine Ahnung, ob BMW alle Bremshebelchen (das sind bei etwa etwa 35.000 R25 und R25/2 eine ganze Menge!) so schlecht oder willkürlich gemacht hat, aber die beiden, die ich habe, waren katastrophal! Wie ungenau da gestanzt wurde, wie "frei Schnauze" da der Schweißpunkt für die Befestigung des Nippeleinhängers gesetzt worden sein mag?

Apropos: die Originalbowdenzüge können einfach weiterverwendet werden,

Jedenfalls ist das ein Umbau, der sich wirklich lohnt.

Zu den Bildern: die erste Skizze zeigt den alten Hebel, die Schaftschraube und den ungefähren Verlauf der Bohrung, sowie die Linie, auf der es besser gehen würde. Das zweite Bild zeigt den fertigen neuen Hebel mit Kontermutter im entlasteten Zustand. Das Bild mit dem Bohrer zeigt nochmals den Verlauf der Bohrung, allerdings geht der Zug nach RECHTS ab, was verdeutlicht, wie sehr das alles geknickt sein wird...

strichzwojan



Beppo

Schöne Bauanleitung. :thumbsup:

Die Länge deines Bremshebels ist noch die orginale mit 60mm Achse zum Zug.? Ich spiele mit dem Gedanken ihn auf 70mm zu erneuern.
Stau hinten ist blöd, vorne aber gehts .

cledrera

Du bist im Recht; nun sieh zu, wie du da wieder heraus kommst. (v. Chamisso)
Lieber Einzylinder als zwei Fallschirme (v. mir)

strichzwojan

#3
Ja, Beppo, das ist die Originallänge von 60mm von Vierkanktlochmitte zu Einhängermitte.
Mit dem Verlängern wäre ich vorsichtig. Nicht das am Ende der Zug reißt (wie bei mir aus anderen Gründen). Ist der 2mm Zug gut geölt, sind die Lagerstellen im Handhebel oben, Bremsschlüsselwelle an der Ankerplatte geschmiert wie auch die Anlageflächen des Bremsnockens, dann kommt man gut hin mit der Kraft.
Zum Blockieren brachte ich auch heute die Vorderradbremse nicht. Die Wirkung war aber gut. Das Fading nach mehreren starken Bremsungen in stärkerem Gefälle ist bauartbedingt bei einer Halbnabenbremse nicht wegzukriegen.

Was ich mich aber gerade frage, ist, ob es Unterschiede bei den Bowdenzügen gibt. Also Qualitätsunterschiede bei den Seelen. Ob feindrähtig Vorteile bei Längung unter Last bringt oder die Drahtqualität unterschiedliche Festigkeit bewirkt. Wie erkennt man einen gut lötbaren, haltbaren Draht usw.
2mm Dicke ist bei der Seele Serie und mehr auch schlecht unterzubringen. Der Aussendruchmesser der Hülle plus Abschlusshülse passt dann nicht mehr ins Widerlager bzw. in die Einstellschraube am Lenker. 6mm gehen da rein, dann ist Schluss.

Jan

Beppo

Ein längerer Hebel am Bremsschlüssel benötigt mehr Weg für den Handhebel, das dürfte aber reichen. Der Seilzug wird darum weniger belastet.Der Winkel muss natürlich auch stimmen.
Der Kupplungszug an meiner Yamaha der 80er hatte eine Nylon-Zwischenlage. Die durften NICHT geölt werden weil sie danach aufquollen, hatte ich erst erfahren als es zu spät war. Heute müsste das Teflon sein und damit auch wartungsfrei.
Stau hinten ist blöd, vorne aber gehts .

Eppo

Ich hatte damals den Hebel von einer Simson umgearbeitet.

Der neue Hebel hat einen wirksamen Hebelarm von 70mm
IMG_20220909_224008_bearb.jpg
IMG_20220910_153900_bearb.jpg



Zitat von: Beppo am 10 April 2025, 22:01:55Ein längerer Hebel am Bremsschlüssel benötigt mehr Weg für den Handhebel, das dürfte aber reichen

Nicht unbedingt mehr Weg am Handhebel, dafür hast du ja die Messingschraube unten für die Bowdenzughülle.
Der Bremsbodenzug muss ja in Ruhelage nicht entlastet sein (wie bei Gas oder Kupplung)
und 2mm ist auch der Bowdenzug vom Simson.
Weiteres Plus ist der große Bodwenzugnippel unten wie oben, da gehen unten sogar 10mm Löthülse drauf.

MfG
Eppo
Nix muss, alles kann 🛠
Geht nicht, gibt's nicht. Einfach kann ja jeder 😁.

strichzwojan

#6
Das sieht alles sehr gut gemacht aus, Eppo.
Aber mal Hand aufs Herz, wie dick ist das Hebelmaterial? BMW bietet da 5,8 bis 5,9 mm Dicke!

Neugierig, Jan


@Beppo  Ja, im Prinzip sind diese Teflonzüge eine schöne Sache. Aber bei der R25-Bremse stößt man da dicketechnisch an Grenzen. 2mm für den Zug in einer Hülle, die innen mindestens 3mm Durchmesser hat, dann die Tefloneinlage plus Hüllendicke plus Endkappe müssen knapp unter 6 mm bleiben, sonst gehts nicht ins Hebelende rein.
Ein Kupplungszug ist meist mit 1,5 mm bemessen, was schon weniger schwierig wird...

M. Bumerang

Zum Thema Bremsbeläge mit Asbest. Ein Händler der mit den ehemaligen DDR Produkte handelt hatte eine Zeitlang Bremsbeläge mit Asbest im Angebot. Die Beläge waren für eine 160mm Trommel. Jetzt frage mich aber keiner wie der Händler hieß. Hat mich aber nicht mehr so richtig interessiert da ich schon meine /3 Gabel verbaut hatte.
NSU muss auch eine Maschine mit einem Blechbremsring gebaut haben.Auch hier: Bremst nicht.
Manfred
Mein Nachbar Aladin schlägt im Garten seinen Teppich aus.
Ich frage ihn: Was ist los? Will er nicht anspringen?

Q-Michael

Was sind denn Bremsbacken Beilagen?
Vg Michael

Eppo

#9
Zitat von: strichzwojan am 11 April 2025, 05:24:15Aber mal Hand aufs Herz, wie dick ist das Hebelmaterial? BMW bietet da 5,8 bis 5,9 mm Dicke!

Nicht immer gilt: Viel hilft viel (siehe Knäckebrot-Metall am Hauptständer  ::) )
Die Materialdicke braucht es sicherlich auch für die originalen Bremshebel, weil der Bremshebel durch den außermittig angreifenden Bowdenzug immer auch einer Torsionskraft ausgesetzt ist.

Bei den Simsonhebeln mache ich mir da keine Sorgen, da greift die Kraft vom Bowdenzug mittig zum Hebelquerschnitt an (Materialdicke sind 3,5mm, die BK350 hat vorn auch nur 4mm aber auf Vollnabe mit 180er Trommeln).
Nebenbei hatte ich mich damals auch schon mit dem Aufbau und Materialdicken beschäftigt.
Da ich nicht weiß, ob der Bremsnocken von Simson die gleichen Hebelmaße hat wie der R25 Bremsnocken, habe ich diesen Wert unberücksichtigt gelassen.

Die Simsonbremshebel müssen auf 16" Rädern mit 125mm Vollnaben-Trommeln greifen
und bei der R25(/2) sind es bei 19" auf 160mm Halbnaben-Trommeln.
Ergibt für die Simson ein Hebelverhältnis Rad/Trommel von 3,25:1
und bei der R25(/2) ein Hebelverhältnis von 3,01:1.

D.h. bei Verwendung an der R25 reduziert sich die Belastung auf den Bremshebel, da diese ein besseres Verhältnis von Reifengrüße zu Trommelgröße hat als an der Simson.
Wenn man es natürlich noch genauer haben möchte, dann muss man auch die wirksame Bremsbelagsfläche sowie das Hebelverhältnis am Bremsnocken berücksichtigen.

Zitat von: Q-Michael am 11 April 2025, 17:26:11Was sind denn Bremsbacken Beilagen?
Such im Netz einfach nach: "Bremsbackenzwischenlage" die gibt es für MZs in verschiedenen Abstufungen.


MfG
Eppo
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Geht nicht, gibt's nicht. Einfach kann ja jeder 😁.

strichzwojan

Sehr ausführlich, danke! Ich verstehe von sowas einfach zu wenig, Hebelgesetz OK, und dass der Bowdenzugangriff serienmäßig versetzt zum eigentlichen Hebel stattfindet auch. Spielt eigentlich die Fahrzeugmasse in diesen Überlegungen auch eine Rolle?
Aus dem Bauch heraus hätte ich Probleme erwartet, wenn ein TÜVler mal nachfragt, und man muss damit heraus, dass das ein Hebel von einem Moped ist... ;) Wobei da ja einige deutlich schneller sind!  ;D

Gerade komme ich aus den Bergen zurück. 22 Grad im Inntal, Sonne, wolkenloser Himmel, trockene Straßen, und das Motorrad tat genau das, was es sollte. Die Bremse nun endlich auch! Eine runde Sache...

strichzwojan

Zitat von: Q-Michael am 11 April 2025, 17:26:11Was sind denn Bremsbacken Beilagen?
Vg Michael

Schau mal diesen Beitrag, da habe ich Bilder gepostet und auch Erklärungen dazu.

https://bmw-einzylinder.de/forum/index.php?topic=24055.msg376803#msg376803

Eppo

Hallo Jan,

klar spielt bei der Verzögerung auch die Masse und Geschwindigkeit mit rein.
Kurzum: Energie ist Masse mal Beschleunigung.
Die Simson S51 hat rund 80kg Leermasse und darf bis 260kg Gesamtmasse haben.
Im Freien Fall mit Rückenwind kommt die auch gut auf 80kmh und die wollen verzögert werden.
Daher:
Wer auf der Simme groß geworden ist, kennt vorausschauendes Fahren  ;D.

MfG
Eppo
Nix muss, alles kann 🛠
Geht nicht, gibt's nicht. Einfach kann ja jeder 😁.

Stefan

Masse mal Beschleunigung ergibt eine Kraft, nicht Energie. Die Bewegungsenergie des rollenden Mopeds berechnet sich mit 1/2 mal Fahrzeugmasse mal Geschwindigkeit zum Quadrat. Diese Energie muss zum anhalten umgewandelt werden, hauptsächlich in Wärme, die in der Bremse entsteht.

Und ob der Simson-Hebel an der BMW ausreicht hängt doch eher von der Handhebelübersetzung ab. Wenn die beim BMW-Handhebel größer ist kommt unten mehr Handkraft an, unabhängig von Trommel- und Reifendurchmesser. Vielleicht hat Simson auch höherwertigen Stahl verwendet und BMW nur Hauptständerauslegerstahl.

Gruß
Stefan
The evil is always and everywhere!

Eppo

Damit wirds in der Theorie genauer  :thumbsup: .
Ich würde es einfach in der Praxis testen bzw. kann ich die Handhebelübersetzungen vom Simson gern noch beisteuern.
Nix muss, alles kann 🛠
Geht nicht, gibt's nicht. Einfach kann ja jeder 😁.

Stefan

Der wird ausreichend sein und ich würde damit bedenkenlos fahren.
The evil is always and everywhere!

strichzwojan

Eppo, du hast die Ankerplatte mit dem verlängerten Hebel noch nicht eingebaut, oder? Ich denke, dass durch den längeren Hebel die Messingwiderlagerschraube noch weiter herumgeschwenkt werden muss. Schon mit meiner originalen Länge kann ich das Teil nicht voll einschrauben, weil es an der Gabelfaust unten anschlägt. Da muss man vielleicht die beiden Messingzapfen etwas kürzen.

Arbeit zieht Arbeit nach sich...

Ich bin gespannt, wie sich der Hebel im Betrieb macht!

Eppo

Hallo Jan,
die Bremse ist schon eingebaut und grob eingestellt (konnte bisher ja noch keinen Meter fahren  ::))

Bei mir habe ich zwischen den Flügeln  der Messingschraube und der Gabelfaust auf der engsten Stelle ca. 5mm und kann problemlos die Stellschraube drehen.
Hoffe man kann es halbwegs sehen, da die Maschine auf der Hebebühne steht und auch noch mit der rechten Seite zur Wand, lässt sich dass nicht so gut fotografieren.

IMG_20250412_113647_copy_1024x768.jpg
IMG_20250412_113659_copy_1024x768.jpg

Ich denke es liegt an der Gewindebohrung im Widerlager, dieses Gewinde ist nicht rechtwinklig zur Bremsankerplatte geschnitten.

Siehe hier:
https://bmw-einzylinder.de/forum/index.php?msg=333396

Dadurch kommt die Seite der Messingschraube mit den Flügeln bei mir weiter zur Bremsankerplatte.

MfG
Eppo
Nix muss, alles kann 🛠
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strichzwojan

Ich sehe gerade, dass der vordere Vierkantloch-Bremshebel für R24, R25 und R25/2 identisch ist.
Der hintere Bremshebel ist bei der R24 auch mit Feinverzahnung, aber anders geformt.

Das spricht eindeutig dafür, dass die Kaufleute bei BMW darauf bestanden haben erst mal eine großen Lagerbestand von R24-Hebeln zu verbraten, bevor etwas Vernünftiges an die Vorderradbremse kommt...   

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